Die Idee entstand in gemütlicher Runde. Wie schön wäre es, wenn es in Wahrsow wieder eine Einkaufsmöglichkeit gäbe. Schnell kamen weitere Ideen dazu: Wenn schon ein Dorfladen, dann könnte doch auch direkt so etwas wie ein Bürgertreffpunkt entstehen. Und ist nicht der Jugendclub in Lüdersdorf baufällig? Dieser könnte doch im gleichen Gebäude als Mieter einziehen! Aber wie und wo realisieren? Und wie sollte das alles finanziert werden? „Wir gründen eine Genossenschaft“, kam der Vorschlag. Und der alte Raiffeisenmarkt, ein Schandfleck mitten im alten Dorf, könnte noch einmal zu neuer Nutzung erblühen.
Natürlich würde eine Menge Geld gebraucht, also suchte die Gruppe nach Möglichkeiten der Finanzierung. Das LEADER-Programm stellt für soziale Projekte große Summen an Förderung zur Verfügung. Das wäre ein Standbein, die verkauften Genossenschaftsanteile ein weiteres und eine Kofinanzierung durch die Gemeinde noch eines. Der Anreiz Anteile zu erwerben wäre durch ein ausgeklügeltes System zur Erzeugung und Verkauf erneuerbarer Energie gegeben. Auch für die Gemeinde wäre es eine Win-Win-Situation: Es würde kein Neubau nötig sein und die Fläche des alten Jugendclubs könnte als Baugrundstück verkauft werden. Zusätzlich könnte die Gemeinde kostengünstigere, lokal produzierte Energie beziehen. Voller Enthusiasmus wurden die Weichen zur Gründung der Genossenschaft gestellt und am 29. Juni 2025 das Gründungsfest von BümEL (Bürgerzentrum mit Energie Lüdersdorf) abgehalten, denn zum 30. Juni musste das Konzept für den LEADER-Antrag eingereicht werden.
Das Konzept stand also stabil auf mehreren Standbeinen. Die Ladenmiete vom Dorfsupermarkt, die Miete vom Jugendclub der Gemeinde und der Verkauf erneuerbarer Energie im Dorf. Innerhalb kürzester Zeit beteiligten sich über 250 Personen und kauften bis zu zehn Gründungsanteile. Was für ein Erfolg! Doch die Ernüchterung kam, als das Konzept in der Gemeindevertretung vorgestellt wurde. Dieses so wundervoll von vielen Menschen getragene Projekt wurde nicht unterstützt.
Der Bürgermeister gab vor, das Engagement zu unterstützen, aber stellte Bedingungen, die diese Position konterkarierten. Der auf der grünen Wiese am Ortsrand geplante Discounter dürfe unter keinen Umständen gefährdet werden. Es dürfe keine Finanzierung durch die Gemeinde geben. Und der Jugendclub müsse „kommunale Pflichtaufgabe“ bleiben. Im Endeffekt stimmte die Mehrheit für eine unbefristete Vertagung des Unterstützungsantrags, was de facto einer Ablehnung gleichkommt.
Die positiven Effekte durch Zusammenlegung und Mehrfachnutzung auf die klamme Finanzlage der Gemeinde blieben völlig unbeachtet. Als Genossenschaft gedacht, muss dieses Projekt sich selbst tragen und auf lange Sicht auch Gewinne abwerfen. Die Teilhaberschaft an der Genossenschaft ist ein Angebot an die Gemeinde, nicht nur indirekt von den Synergien durch Zusammenlegung, sondern auch direkt durch Erlöse dieses Investments zu profitieren. Stattdessen wurde so getan, als solle die Gemeinde dem Projekt Geld schenken.
Es war nie die Idee, selbst Jugendarbeit zu betreiben. Dies wurde auch klar kommuniziert. Es sollten nur Räume für den gemeindlichen Jugendclub entstehen. Der Gedanke dabei: Anstatt extra ein Gebäude zu bauen, kann sich die Gemeinde einmieten. Dies ist auf Dauer billiger: Es muss kein separates Gebäude finanziert und unterhalten werden, die Miete für maßgeschneiderte, mehrfach genutzte Räume ist deutlich geringer. Zudem ginge es auch erheblich schneller, da die öffentliche Hand meist langsamer baut als die private. Statt diese Idee konstruktiv aufzugreifen, wurde sie als „Nebenabteilung eines Dorfladens“ diskreditiert. In anderen Gemeinden ist man froh und dankbar über bürgerliches Engagement – hier wurde es harsch zurückgewiesen. Man hätte den Bürgermeister von Anfang an mit einbeziehen müssen, es seien die falschen Leute, die sich engagieren. Und überhaupt brauche die Gemeinde kein Bürgerzentrum, schließlich gebe es die Vereine, die die Bedarfe abdeckten.
Keines der Argumente von BümEL konnte die Mehrheit der Gemeindevertreter und insbesondere den Bürgermeister erreichen. Wie konnte das sein? Ist die Ansiedlung eines Discounters wirklich so wichtig, dass der Idee einer vielfältigen, lebendigen Dorfmitte nicht einmal die Chance einer transparenten Pro-Kontra-Betrachtung gegeben werden darf? Oder geht es vielmehr darum, dass sich in der Gemeinde eine starke Gemeinschaft bildet, auf die die politische Mehrheit keinen unmittelbaren Einfluss hat?
So stehen wir nun vor der Frage: Wie geht es weiter? Offensichtlich müssen die Bedingungen des Bürgermeisters erfüllt werden, damit eine Unterstützung der Gemeinde erfolgen kann. In Bezug auf die Finanzierung und den Jugendclub ist das kein Problem, da dies sowieso nur Angebote an die Gemeinde sind. Etwas schwieriger ist es mit dem Dorfladen. Für den Betreiber „Tante Enso“ ist eine Mindestverkaufsfläche und Abstand zu weiteren Supermärkten notwendig. Daher wird diese Kooperation nicht fortgesetzt. Es gibt aber inzwischen vielfältige Alternativen, die auch mit deutlich weniger Fläche und Abstand zu anderen Märkten funktionieren.
Klar ist also, dass BümEL nicht in der ursprünglichen Größe realisiert wird. Aber ein tragfähiges Konzept kann dennoch gefunden werden, wenn sich Menschen finden, die aktiv mitgestalten wollen.
Christian Kier, BümEL-Vorstand